Die Wirbelsäule und das Raumerleben

Bei den Yogaübungen werden alle Körperpartien, wie die Arme, Hände, Beine, Füße, Brustkorb, Rücken, Kopf, in unterschiedlichen Variationen bewegt. Eine zentrale Stellung nimmt dabei die Wirbelsäule ein. Sie wird einmal nach vorne gebeugt, dann nach hinten, ein anderes Mal seitlich, sie dreht sich um ihre eigene Achse, dehnt sich einmal aus und zieht sich dann wieder zusammen.

 

Interessant ist, dass die Wirbelsäule nicht nur zentral bei ihren unmittelbaren eigenen Bewegungen ist, beispielsweise wenn sie sich nach vorne beugt, sondern auch bei Bewegungen der Arme oder der Beine. Durch die Einbeziehung der Wirbelsäule bei Arm- und Beinbewegungen bleiben Nacken und Kopf entspannt, die Schulter- und Hüftgelenke werden entlastet und es entsteht ein ästhetischer Fluss im Bewegungsspiel.

 

 

Hebt man gewohnheitsmäßig den Arm, so geschieht dieses Arm-Heben meistens einfach isoliert nur aus der Schulter heraus. 

 

Man kann sich aber auch vorstellen, dass die Bewegung für das Heben des Armes in der Mitte der Wirbelsäule entspringt und von dort ausgehend den Brustkorb etwas anhebt und sich fortsetzt über die Schulter in den Arm und bis zur Hand, die in einer leichten und doch dynamischen Ausdehnung in den Raum und nach oben gleiten. Die Flanke kann sich dehnen, der Atem weit fließen.



 

 

Ähnlich ist es mit den Beinen. Üblicherweise hebt man die Beine wie getrennt vom restlichen Körper. Bei den Yogaübungen entdeckt man jedoch, dass das Beinheben ebenfalls aus der Wirbelsäulendynamik entspringen kann, sich über die Hüfte fortsetzt und sich das Bein dabei wie aus der Hüfte "sprießend" hebt und ausdehnt.

 

Genau genommen entsteht zuerst eine feine Zusammenziehung im Bereich des Kreuzbeins und unteren Rückens, die sich dann als Dynamik in die Beine, zum Fuß und in der Vorstellung sogar darüber hinaus fortsetzt.


 

Diese aus der Wirbelsäule angesetzten Bewegungen der Gliedmaßen bewirken eine Stabilisierung im Rücken und Sammlung hin zur Wirbelsäule und gleichzeitig eine recht leichte, von Belastungen freie Bewegung nach außen. Häufig sind die Bewegungen der Gliedmaßen sehr schwerebeladen. Bei dieser Form entsteht ein anderes Kräfteverhältnis: Im Zentrum (Wirbelsäule) entsteht eine Sammlung und Stabilisierung, die Bewegung gleitet von dort aus und bleibt an der körperlichen Peripherie leicht und sich räumlich ausdehnend.

 

Bei genauerer Betrachtung des Körpers bemerkt man, dass dieser Bewegungsansatz auch dem anatomischen Aufbau entspricht. Das Skelett ist so aufgebaut, dass in der Mitte mit der Wirbelsäule der stabilste, kompakteste Teil liegt und sich über die großen Gelenke der Schultern und Hüften dann die Knochen der Beine und Arme immer feingliedriger gestalten. Man sieht mit einem genauen, aber einfachen Blick Kompaktheit, Stabilität innen und Feingliedrigkeit an der Peripherie.

 

Warum ist dieser Bewegungsansatz wertvoll oder gesundheitsfördernd?

  • Die Wirbelsäule wird durch diese integrative, zusammenhängende Bewegung stabiler und dynamischer.
  • Die Gelenke werden entlastet, denn der Bewegungsfluss dynamisiert die Schultern, Hüften und Knie, anstatt mit Schwere auf ihnen zu lasten.
  • Der Stoffwechsel wird durch den Bewegungsfluss erfrischt und belebt und die Versorgung des Organismus verbessert. Das Nervensystem kann sich ordnen und beruhigen, denn Kopf und Nacken bleiben unfixiert.
  • Die Atmung kann gelöster und freier fließen.

 

 Welche Rolle spielt dabei das Bewusstsein?

 

In dieser Bewegungsform kann mehr der Raum rund um den Körper erlebt werden. Der Arm gleitet beispielsweise nach oben, bewegt sich durch die Luft wie tastend und dehnt sich in den Raum hinaus aus. Dabei wird das Bewusstsein wie nach außen gelockt und aus dem Erleben des Raumes kann es sich freier, gelöster und damit beobachtender gegenüber dem Körper bewegen.

 

Aus dem Raumerleben und dem frei beobachtenden Bewusstsein entfaltet sich ein natürliches Bedürfnis nach Ausdehnung und der Körper mit der Wirbelsäule und den Gliedmaßen dehnt sich quasi wie vom Raum angezogen aus. Das schenkt ein Empfinden von Weite, von einerseits Sensibilität nach außen und andererseits Ruhe nach innen.

 

 

Der Raum kann bei jeder Bewegung oder jeder Yogastellung in die Beobachtungen einbezogen werden, denn immer bewegt und formt sich der Körper in einem bestimmten Verhältnis oder einer Proportion zum ihn umgebenden Raum. Die Wirbelsäule bildet dabei das Zentrum und die Gliedmaßen die Peripherie.

 


 Tipp für weiterführendes Studium:    

'Das manipura-cakra und das Luftelement' in dem Buch 'Die Seelendimension des Yoga' von Heinz Grill

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