Der Berg und die Yoga-asana

ein kleiner philosophischer Vergleich

(geschrieben anlässlich der Berge-Abende vom Oktober und November)

 

Der Berg ist wie ein Gegenüber, man kann mit ihm in Beziehung treten, ihn erforschen, auf verschiedenen Wegen erkunden und umrunden, auf sanften Wiesen, durch schützende Wälder, heimelige Legföhrenzonen, schroffe Felswände und über stille Gipfelregionen erwandern oder erklettern. Man passt die eigenen Bewegungen den Formen, Aufschwüngen, Rundungen, Pfeilern und Kanten an und kann sich an der Vielfalt des Bewegungsspiels, der Farben und Naturschönheiten erfreuen. 

 

Der Berg ist auch eine Herausforderung, er präsentiert sich unausweichlich mit seinen Verhältnissen, und der Wanderer oder Kletterer konfrontiert sich mit diesen. Er braucht Mut, Zielstrebigkeit und Liebe zu dieser Bergwelt. Sie fordert ihn durch ihre Anziehung und Faszination heraus, über seine Grenzen ein klein wenig oder sehr weit hinauszuwachsen. Der Berg beschenkt dann den Bergsteiger mit unvergesslichen Erfahrungen und Eindrücken, mit Zufriedenheit, Erfülltheit und Wärme.

 

Jeder Berg ist wie eine eigene Persönlichkeit mit ihrer spezifischen Gestalt, ihrem charakteristischen Gesicht, Ausdruck und Erscheinungsbild, die eine bleibende spezifische Erinnerung hinterlässt.

 

Die Yogaübung oder asana ist vergleichbar mit einem Berg - sie ist ein Gegenüber, das durch ihren hineingelegten Gedanken und ihre äußere, sichtbare Form immer wieder aufs Neue anziehend wirkt. Sie ist ein Objekt, sachlich, schlicht und doch geheimnisvoll, dem man sich durch interessierte Wahrnehmungen, empfindsames Einfühlen und aktives Bewegungsspiel annähern kann. Sie fordert den Übenden auch heraus, stellt ihre Anforderungen und bringt auch so manche Schweißtropfen hervor. Aktiv widmet man sich dieser asana und durch diese Aktivität rückt sie wie näher, wird vertrauter, und über die Zeit hinweg kann man sie langsam in ihrem Wesenskern ein wenig mehr berühren.

 

Ihr Kern ist ein konkreter Gedanke über einen realen Lebenszusammenhang, der - einmal erkannt - lebendige Empfindungen erweckt, welche seelisch bereichern, erfrischen und das Leben mit Freude, Fantasie und Leichtigkeit erfüllen, und der den Willen herauslockt und befeuert, mutig und aktiv im Leben all das umzusetzen, was einem wertvoll, notwendig und wahr erscheint und in einem selbst sehnsüchtig wartet, in eine greifbare weltliche Form gebracht zu werden.

 

Diesen Gedanken der asana hat Heinz Grill erstmals in der Geschichte des Yoga konkret erforscht, formuliert und damit auch praktisch zugänglich und studierbar gemacht. Er hat wie ein Künstler aus einem formlosen Gesteinsblock eine schöne Gestalt herausgemeißelt und anschaubar gemacht und sie damit in ein völlig neues Licht gerückt. Die Frage stellt sich aber, wo lebt der Gedanke? Er lebt nicht in der Form der asana direkt, sondern wird durch den Menschen gedacht und mit der asana in eine Ausdrucksform gebracht.

 

Mit dem Denken, Fühlen und der Handlungskraft übt man die asana, die Körperglieder gleiten in verschiedenen Bewegungen aus und kommen wieder zur Ruhe, und der aktiv gedachte und wahrgenommene Gedanke beflügelt und erhebt die Seele aus der engen körperlichen Schwere und bleibt für die Zukunft wie eine kleine stille Flamme erhalten.

 

Der Gedanke, der durch leidenschaftliche Mühe und immer wieder neue Beziehungsaufnahme einmal berührt wird, bleibt - so wie der Berg, der einmal bestiegen wurde, als unauslöschliche Erinnerung wie ein Geistfunke ebenso bleibend ist. Er wirkt prägend, formend, lebenserhaltend, individuell, frei und befreiend.