Die gesunde Spannkraft und Dynamik der Wirbelsäule

Der Begriff „Spannkraft der Wirbelsäule“ ist für mich als Yogalehrerin vertraut. Auch für die Kursteilnehmer, die länger dabei sind, ist er mittlerweile geläufig. Anfangs aber klingt er vielleicht ein wenig fremd und kann man sich meist gar nicht viel darunter vorstellen.

 

Nach den allgemeinen Definitionen wird er mit der Kraft, größere Herausforderungen positiv meistern zu können, umschrieben (zB wikipedia…). Er wird aber nicht nur auf den Körper bezogen, sondern man spricht ebenso von geistiger Spannkraft. Auch in Technik und Mechanik existiert der Begriff Spannkraft, beispielsweise in Bezug auf eine Federung.

 

In einer ganz einfachen Betrachtung lässt sich feststellen, dass das Wort Spannkraft aus zwei Teilen besteht, dem Spannen und der Kraft. Man könnte also übersetzen: die Kraft zum Spannen. In Bezug auf die Entwicklung der Spannkraft der Wirbelsäule - wie wir das üben - ist es jedoch zu einfach übersetzt, denn es handelt sich mehr darum, eine Dynamik in der gesamten Wirbelsäule bei gleichzeitiger Gelöstheit anderer Körperbereiche zu entwickeln, verbunden mit einer kräftigen und zugleich geschmeidigen Rückenmuskulatur.

 

Wie kann die Spannkraft der Wirbelsäule entwickelt werden,

damit ein gesamter gesundheitlicher Aufbau - körperlich, psychisch, seelisch - entstehen kann?

Anhand des Kapitels „Die Entwicklung von Spannkraft in der Wirbelsäule“ im Buch Der freie Atem und der Lichtseelenprozess von Heinz Grill setze ich mich mit diesem Thema auseinander. Dort bezeichnet Heinz Grill die Spannkraft noch genauer mit Eigendynamik aus verschiedenen Regionen der Wirbelsäule.

Spannkraft in der Wirbelsäule aufzubauen ist kein mechanisches Muskeltraining, sondern im hier gemeinten Sinn eine sehr lebendige, empfindungsreiche, konzentrierte Entfaltungsarbeit. Dabei geht es zwar um die Wirbelsäule, aber - und das ist das Besondere - es erhalten auch andere Aspekte eine Aufmerksamkeit, und zwar einerseits der Atem und andererseits die objektive Wahrnehmung und Vorstellungstätigkeit.

 

Der freie Atemfluss

Dadurch, dass wir bei den Yogaübungen auf das freie Fließen des Atems achten, erhöht sich die sensible Aufmerksamkeit, und die spannkräftige Bewegung kann sich in der Folge in gelösterer Weise entwickeln. Den Atem frei fließen zu lassen bedeutet, dass man ihn nicht festhält, wenn man Kraft einsetzt, und dass man ihn aber auch nicht gezielt führt. Er bleibt frei und leicht und passt sich der Bewegung an - wird beispielsweise schneller bei intensiveren Bewegungen, fließt aus in bestimmte Körperregionen je nach Bewegungsrichtung. Man beobachtet den Atem und studiert ihn in seinen Zusammenhängen mit dem Körper und Bewusstsein.

Der freie Atemfluss geht mit einer bestimmten Aufmerksamkeit einher: Wir nehmen den Atem als von außen, von der Umgebung, von der Luftsphäre um uns kommend wahr. Wir denken ihn nicht von der Lunge ausgehend, sondern von außen herankommend. Er strömt nach innen, durchflutet mit seiner Bewegung und Sauerstoffversorgung den Organismus und kehrt schließlich wieder nach außen zurück. So erlebt man den Atem von der Weite des Raumes ausgehend und mit dieser Aufmerksamkeit beginnt er ganz natürlich in einer freieren und weiteren Weise zu zirkulieren. Dies ist heilsam und bewirkt, dass sich die Dynamik und der Krafteinsatz des Körpers bzw. in der Wirbelsäule viel zwangfreier entfalten können.

 

Eine Bewegung ausgehend von einer Vorstellung gestalten

Die bildliche oder gedankliche Vorstellung zu einem bestimmten Aspekt der Übung oder der Bewegung steht am Anfang (siehe Blog: 3 Phasen in der Yogaübung). Besteht ein klares Bild in der Vorstellung, kann die Kraft viel freier und mit mehr Leichtigkeit eingesetzt werden. Warum ist das so? 

Man kann sich fragen: Wo lebt die Aufmerksamkeit beim Üben? Lebt die Aufmerksamkeit in einer Vorstellung, so ist das Bewusstsein freier vom Körper und kann von dieser unabhängigeren Position ausgehend den Körper freier wahrnehmen und damit auch freier formen. Ist die Aufmerksamkeit in die körperlichen Umständen hineinverwickelt, so fehlt diese Möglichkeit der freieren Ausgestaltung.

 

Wie wählt man diese „Vorstellungen“ aus?

Die Vorstellungen sollen nicht subjektive spontane Erfindungen sein, sondern allgemein ausgedrückt logisch sein und ordnend auf die Verhältnisse wirken. Sie wirken dann ordnend, wenn sie mit den materiellen, seelischen, geistigen Zusammenhängen übereinstimmen, man kann auch sagen, wenn sie weisheitsvoll sind. Ich arbeite mit den Beschreibungen und Inhalten aus den Büchern von Heinz Grill, der diese Zusammenhänge intensiv erforscht und sehr präzise beschrieben hat. 

 

Spannkraft und Außenraum - Zentrierung zur Wirbelsäule und gelöste Peripherie

Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass das Geheimnis der Entwicklung der Spannkraft darin liegt, im Außen zu beginnen, das heißt in der sensiblen Wahrnehmung des Raumes und des frei zirkulierenden Atems sowie in der gedanklichen Vorstellung. Das vorgestellte Bild lebt nicht im Gehirn, sondern mehr wie außen im Raum. Mit diesem räumlichen Ansatz bleibt der Körper gelöster und leichter und die Kraft und Dynamik kann sich rückwirkend viel besser in der Wirbelsäule zentrieren. Diese Zentrierung bei gleichzeitiger peripherer Gelöstheit wirkt sehr aufbauend und regenerativ. Das heute meist überreizte Nerven-Sinnessystem wird entlastet und die Stoffwechsel- und damit auch Willenskräfte werden gestärkt.

 


zum Getreide-Foto oben: Getreide als volles Korn unterstützt die Gesundheit der Wirbelsäule und des Bewegungsapparates